Aktuell

Hospitation an der PIEKS

Schon am Familientag und am Landesverbandstreffen an der PIEKS (freie Schule in Leinfelden-Echterdingen) wurden wir eingeladen, uns die Schule bei einer Hospitation genauer anzuschauen. Wir freuen uns, dass es nun geklappt hat und zwei aus unserem Team in den Alltag einer demokratischen Schule schnuppern konnten.

Erste Eindrücke

Als wir ankamen, waren die 40-50 Kinder und Lernbegleiter, wie die Lehrer dort genannt werden, bereits mitten im täglich stattfindenden Morgenkreis. Anschließend fand die wöchentliche Schulversammlung statt, an der die Schüler die Möglichkeit haben, gleichberechtigt mit den Lernbegleitern neue Regeln aufzustellen oder alte abzuschaffen. Die Kinder lernen dabei nicht nur, vor einer größeren Gruppe zu sprechen und sich für ihre Interessen einzusetzen, sondern auch, dass ihre Meinung nicht egal ist und dass sie etwas bewirken können. Jede Stimme zählt. Die Führung und das Protokoll Schreiben übernehmen die Schüler selbst. Es hat uns beeindruckt, wie rücksichtsvoll sie miteinander umgehen indem sie sich dafür einsetzen, dass jeder zu Wort kommt und ausreden darf.

Ihre Rechte sind vielfältig und ermöglichen den SchülerInnen, an der Organisation des gesamten Schulalltages mitzusprechen: Bei der Gestaltung der Zimmer, Planung der Feste, Einstellung der Lehrer, Neuanschaffungen, Öffentlichkeitsarbeit… Sie haben sogar ein Budget, das der Trägerverein ihnen zugewiesen hat, über das sie frei verfügen dürfen. Neben den Rechten gibt es auch viele Verantwortlichkeiten. So kümmern sich die SchülerInnen selbst um die Reinigung des Schulgebäudes. Jeder Schüler hat einen Dienst.

Die Struktur der Schule ist frei von Klassen. Verschiedene Altersgruppen lernen zusammen. Die Kinder sind lediglich in Primaria und Sekundaria aufgeteilt. Die einen besiedeln das Erdgeschoss, die anderen das Obergeschoss. Generell können sich die Kinder aber aussuchen, mit wem / womit sie sich beschäftigen und wo sie sich aufhalten. Der Wechsel von einer Stufe zur anderen erfolgt nur grob nach Alter – eine relevantere Voraussetzung ist vielmehr eine gewisse Reife. Die Kinder müssen u.a. lesen können und zeigen, dass sie Verantwortung für ihr Tun übernehmen können. Zum Übergang wählen die Schüler sich ein Projekt, das sie den anderen präsentieren. Sie planen zum Beispiel einen Ausflug für alle oder gestalten einen Raum neu.

Unverhofft kommt oft

Da an unserem Besuchstag einige Lernbegleiter ausfielen, gab es ausnahmsweise keine vorbereiteten Angebote wie Filzen, Werkstatt, Schmieden oder zu typischen Unterrichtsfächern wie Mathe, Deutsch. Wir beobachteten die SchülerInnen hauptsächlich beim Spielen. Doch wenn man genauer hinschaute, konnte man sehen, dass sie auch dabei lernten. So schaute ein Mädchen auf dem Laptop einen historischen Doku-Film an, ein paar jüngere Kinder experimentierten draußen mit Wachs, eine Gruppe spielte ein Kartenspiel, bei dem sie sich auf Englisch unterhielt. (An der Schule ist eine englischsprachige Lernbegleiterin, die nicht nur Kurse anbietet, sondern mit den Kindern Englisch im Alltag spricht.) Dann trafen sich ein paar der Sekundaria und planten gemeinsam mit einem Lernbegleiter eine 3tägige Radtour, bei der sie ohne Geld auskommen wollten. Sie kümmerten sich selbst um Übernachtungsmöglichkeiten und diskutierten über mögliche Gefahren, z.B. auch Zecken. Dazu bat eine Schülerin den Lernbegleiter (Diplombiologe und Wildnispädagoge), am nächsten Tag einen Vortrag zu halten und ihnen mehr zu Borreliose und FSME zu vermitteln.

Nachwirkungen und Eindrücke

Uns ist aufgefallen, dass die Schüler sehr selbstbewusst sind und mit Erwachsenen auf Augenhöhe reden. Sie können gut mit Problemen umgehen und wissen, wie man sich selbstständig Wissen aneignet und seinen Alltag strukturiert.

Besonderheiten

Wir hatten den Eindruck, dass an der PIEKS eine sehr enge Schulgemeinschaft besteht mit familiärer Atmosphäre und großem Vertrauen untereinander. Auch wenn nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, so lernen die SchülerInnen doch sehr früh, mit Konflikten umzugehen. Es gibt ein Lösungskomitee, das aus wechselnden Schülern und einem Lernbegleiter besteht. Bei Konflikten, die nicht gleich gelöst werden können, notieren die Kinder ihr Anliegen auf einen Zettel und werfen diesen in einen Kummerkasten. Zeitnah finden dann kleine Sitzungen statt, bei denen das Lösungskomitee die betroffenen Kinder anhört und ihnen hilft, eine Lösung zu finden, mit der alle leben können.

Interessant war für uns auch, wie die Schüler sich auf die Haupt- und Realschulprüfungen vorbereiten, die sie extern an einer Regelschule absolvieren. Ihre Ergebnisse sind im Vergleich mit denen der Regelschüler überdurchschnittlich gut und das, obwohl sie in den Jahren zuvor nur taten, wozu sie Lust hatten, wofür sie sich interessierten. Oder gerade deswegen?

Am Ende des Schultages hatten wir noch Gelegenheit, mit zwei der Lernbegleiter zu sprechen und unsere Fragen zu stellen. So erfuhren wir auch aus deren Sicht, wie es ist, an einer freien demokratischen Schule zu arbeiten. Mancher stellt sich vielleicht vor, dass so ein Job sehr einfach ist und man verglichen mit Lehrern an Regelschulen mit Frontalunterricht kaum etwas zu tun hat, aber das ist nicht der Fall. Die Lernbegleiter haben an freien Schulen ein sehr enges Verhältnis zu Kindern. Sie sind mit ihnen regelmäßig im Gespräch und hören ihnen zu. Sie sorgen für den Rahmen im Schulalltag, dafür, dass die Voraussetzungen fürs Lernen stimmen. Sie wissen sehr genau, wo jedes Kind steht, wo seine Stärken und Schwächen liegen und vor allem kennen sie die Interessen der Kinder. Wenn sie darum gebeten werden, helfen sie ihnen, beantworten Fragen, unterstützen beim Finden von Informationen oder halten Vorträge. Es ist eine große Herausforderung.

Auch mit Jonas von der Organisation Schools of Trust (SoT), der gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr an der PIEKS macht, konnten wir uns noch austauschen. Er erzählte uns mehr über das SoT-Projekt und gab uns Tipps für unsere Schulgründung.

Aktuell sucht die PIEKS nach einem geeigneten Grundstück für einen Neubau, denn die alte Glaserei, die sie als Schulgebäude nutzen, platzt inzwischen aus allen Nähten. Auch der dazugehörige Garten ist viel zu klein. (Auch wir haben diesen Punkt noch auf unserer To-Do-Liste und freuen uns über Informationen über Grundstücke oder Gebäude im Raum Bruchsal, die für eine Schule geeignet sein könnten.)

Unser Fazit

Wie immer ist ein Austausch mit anderen sehr lohnenswert und bereichernd. Wir traten die Heimreise mit vielen neuen Eindrücken, Informationen und Ideen für unser Konzept an. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie wir voneinander lernen können. Ein herzliches Dankeschön für diese Möglichkeit!